“ Liebe Mutter Erde,

wann immer ich unsicher bin, die Verbindung zu mir selbst verliere oder mich in Unachtsamkeit, Traurigkeit oder Verzweiflung verloren habe, weiß ich, dass ich zu dir zurückkehren kann.

Indem ich dich berühre, kann ich Zuflucht finden. Ich glaube an deine große Heilkraft. Während ich gehe, sitze oder atme, kann ich mich dir übergeben, dir völlig vertrauen und zulassen, dass du mich heilst.“

Thich Nhat Hanh

Ich liege in der Mitte meines Wohnzimmers auf dem Boden. Lasse mich ganz tief in den Erdboden einsinken. In Shavasana fühle ich mich immer sehr verletzlich. Ich lasse es zu. Öffne mich und schließe die Augen. Tränen laufen warm an den Seiten meiner Schläfen herunter in meine Haare, die wie ein Fächer um mich ausgebreitet sind. So liege ich oft da. Doch heute spüre ich noch mehr als nur Verletzlichkeit.

Ich werde getragen. Mutter Erde trägt und hält mich bedingungslos, in jedem Moment.

Mein Geist schweift weiter. Gab es schon mal einen Moment in dem ich nicht getragen wurde? Ich bin gewankt, gestolpert und auch gefallen. Aber gehalten wurde ich letzten Endes immer. Ich bin noch da. Stark. Und die Erde trägt mich – ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, ob ich es verdient habe.

Weil ich ein Teil von ihr bin.

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Lange dachte ich (oder denke ich auch heute manchmal noch), dass ich einen anderen Menschen brauche, der mich auffängt und hält, wenn ich denke, es nicht alleine zu schaffen. Heute erkenne ich oft, dass es zwar wunderschön ist, in Liebe gehalten zu werden – von Freunden, Familien, Partnern – aber letztlich ist es eine höhere Kraft der Liebe, etwas universelles, das mich in schweren Zeiten schützend umhüllt. Es weist mir den Weg und hält immer die richtigen Situationen für mich bereit, um weiter zu gehen und zu wachsen.

Dies zu erkennen, kann sehr angenehm sein. Wir dürfen einen Schritt zurück treten, wenn uns alles zuviel wird. Wenn wir das Gefühl haben, alles bricht zusammen, lassen wir los. Lassen uns tief in den natürlichsten aller Zufluchtsorte sinken. Zu unserer Mutter Erde, die in jeder Sekunde für uns da ist und als Teil des gesamten Universums immer den richtigen Plan für unser Dasein bereit hält.


Was bedeuten diese Worte in der Praxis?

Die Erde als Zufluchtsort? Sich vertrauensvoll an Mutter Erde wenden? Wie kann ich das umsetzen?

Die Antworten auf diese Fragen hat mir meine Tochter gezeigt. Ist ihr Gemüt erhitzt, wie es bei zweijährigen öfter mal vor kommt, reicht es, die Jacke über zu werfen und raus zu gehen. Ab in die Natur. Rennen. Über Steine und Wiesen. Stöcke werfen. Ins Gras legen.

Mitten im Wald bleibt sie einfach stehen. Setzt sich ins Laub und guckt nach oben. Ich mache es ihr nach und es haut mich fast um. Welch eine Schönheit. Tausende Blätter flackern an einem grünblauen Himmelszelt. Wow. Unsere Energie verändert sich. Von gestresst und erhitzt zu demütig, erstaunt und entspannt.

Eine Verbindung zur Erde herstellen ist so einfach und so heilsam. Die Natur ist immer da.

Auch schlimme Situationen und Lebensereignisse können viel klarer und leichter gelöst werden, wenn wir uns näher mit unserer Erde in Kontakt bringen. Bei einer Wanderung über Stock und Stein und den Blick in die Ferne gerichtet, sieht so manches Problem auf einmal völlig anders aus, als noch auf der Couch in den grauen vier Wänden.

Sitzen wir am Schreibtisch und können einfach keinen klaren Gedanken mehr bei unserer Arbeit fassen? Raus mit uns, einmal tief in der frischen Luft durch atmen. Springen. Rennen. Sitzen. Was auch immer uns gerade einfällt. Danach wird die Arbeit wieder beginnen zu fließen. Neue Ideen und Kreativität sind wieder aktiviert.

Dieser tiefe Austausch, die Erneuerung unserer Geisteshaltung, findet da draußen in der Natur statt. Und mit jedem neuen, guten Gedanken, jedem achtsam gegangenen Schritt heilen wir von innen heraus und lassen Heilung geschehen – für jeden um uns herum und unsere Erde.

Lassen wir uns tragen, es tut so gut, einfach los zu lassen.

„Einatmend weiß ich,

dass Mutter Erde in mir ist.

Ausatmend weiß ich,

dass ich in Mutter Erde bin.“

Thich Nhat Hanh

3 thoughts on “Gehalten werden

  1. Liebe Anke, sehr schöner Text!
    Thich Nhat Hanh ist für mich zu einem wertvollen Begleiter geworden, seit einigen Jahren schon.
    Ich kann so viel Kraft aus seinen Büchern und Vorträgen ziehen, er ist einfach wunderbar!
    Das Thema Natur ist „natürlich“ sehr eng mit ihm und seinen Weisheiten verbunden und du hast völlig Recht, wenn du hier von der Heilkraft unserer Mutter Erde schreibst.
    Vielen Dank dafür, liebe Anke und einen ganz herzlichen Gruß
    von Milka

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  2. Ja, sie ist IMMER da. Es liegt nur an uns, die Verbindung lebendig werden zu lassen. So tiefgehend formuliert, ich konnte mich in deine Worte hineinsinken lassen und es in all meinen Zellen spüren. ❤

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